2 | 2021 April – Juni

Sehnsucht nach Licht und Luft

Bis wir uns wieder in die Schlangen vor dem Barberini einreihen, können wir die Meisterwerke des Impressionismus en détail genießen - auf der Couch
 
Claude Monet, Getreideschober, 1890, Öl auf Leinwand, 73 x 92,5 cm, Sammlung Hasso Plattner
Wer kennt das nicht? Ein ständiges Vor- und Zurückgehen beim Betrachten von impressionistischen Werken, um wirklich alles zu erfassen. Die reine Materialität des Bildes aus der Nähe wird mit der schrittweisen Ferne zur visuellen Einheit. Kann diese besondere Atmosphäre durch die Bewegung des Publikums überhaupt außerhalb des Museums entstehen?
Mit seinem digitalen Programm unternimmt das Potsdamer Museum Barberini einen beachtenswerten Versuch. Neben Prolog, 360-Grad-Touren, gefilmten Rundgängen und Experteninterviews bietet es tägliche Live-Touren mit Kunsthistorikern und jeden Mittwoch einen Live-Talk »Kunst spezial« mit Fachleuten verschiedener Disziplinen. Jeden Sonntag findet eine Tour speziell für Familien statt. Das Online-Format kann von Gruppen und von Schulen und Kindergärten gebucht werden. Alle Angebote finden sich auf der Website, die nach dem Relaunch mit neuem Design überzeugt.
Dort kann man die wunderbare Schau »Impressionismus« am Bildschirm durchwandern, die Bilder nach Belieben heranzoomen. Ortsunabhängig werden hinter den Gemälden verborgene Geschichten und eine Fülle von Informationen geboten. In Online-Führungen, für die man sich vorher anmelden muss, machen erfahrene Guides mit den Bildern vertraut. Man hört zu, kann Fragen stellen und mit dem Guide diskutieren. Es geht um Motivationen, Biografisches, Maltechniken, Gestaltungsweisen und die Wirkung der Bilder. Die große Resonanz hat das Museum überrascht, bis zu achtzig Personen können pro Tour teilnehmen. Selbstverständlich kann jeder auch individuell auf Entdeckungstour gehen und selbst navigieren.
Eine Online-Tour nimmt beispielsweise Wasserdarstellungen verschiedener Maler in den Blick. In einer kompakten Stunde ist zu erfahren, inwiefern Claude Monet für Jackson Pollock ein Vorbild war, wo der Goldene Schnitt Verwendung fand, warum die Impressionisten helle Grundierungen nutzten oder die Neoimpressionisten Komplementärkontraste bevorzugten. Bei alldem findet jedes der ausgewählten Gemälde in seiner Einzigartigkeit Berücksichtigung. So zum Beispiel der »Getreideschober«, von dem Monet eine Serie mit 32 Bildern schuf. Eine fulminante Farbkombination, die Fläche strukturiert durch Pinselstriche und ein malerischer Sonnenuntergang. Monet hatte immer mehrere Leinwände dabei, um die Flüchtigkeit des Augenblicks und die wechselnden Lichtverhältnisse einzufangen. In der ersten Einzelausstellung eines Impressionisten überhaupt verkaufte der Künstler 15 Getreideschober-Versionen nach Amerika. So konnte sich Monet das Bauernhaus kaufen, das er zuvor gemietet hatte, und in seinem idyllischen Garten zwanzig Jahre
lang Seerosen malen.
Die stimmungsvollen Landschaften machen die Aura der Ausstellung aus. Er fühle sich wie in einem Märchenland, schrieb Monet in Italien. Hockt man zu Hause am Computer, stellt sich ein Zustand ermatteter Zustimmung angesichts all der Schönheit nur bedingt ein. Auch deshalb ist es so wichtig, dass die Museen wieder öffnen. Die Kunst bringt einen an nahe und ferne Orte - zumindest in Gedanken.

Gabriele Miketta
Sehnsucht nach Licht und Luft, Museum Barberini
Aus MuseumsJournal 2/2021, Rezensionen