2 | 2021 April – Juni

Zwischen Isolation und Zugehörigkeit

Kein Wunder, dass Bunny Rogers zum Shooting-Star der zeitgenössischen Kunst wurde: Die junge Amerikanerin beherrscht das Spiel der Identitäten. Und sie weiß, wie verletzlich und verlassen sich die Jugend fühlt
 
Bunny Rogers, Self-portrait as Clone of Jeanne d'Arc (Vanessa Joan), 201915-teiliger Zyklus, Kunstdruck auf Hahnemühle PhotoRag Ultrasmooth auf Aluminium, versilberter Rahmen, lila, 200,5 x 163 x 7,5 cm, Nationalgalerie - Staatliche Museen zu Berlin
© Bunny Rogers und Société
Im Westflügel des Hamburger Bahnhofs erklingt eine melancholische Klaviermelodie. Es ist die Tonspur der Video-Installation »Mandy's Piano Solo in Columbine Cafeteria« der Künstlerin Bunny Rogers. Sie leitet die Ausstellung »Bunny Rogers. Self Portrait as clone of Jeanne d'Arc« musikalisch ein. In dem Werk bezieht sich Rogers auf den Amoklauf an der Columbine High School in Littleton, Colorado, von 1999 und seziert die kollektive Trauerbewältigung in Form eines animierten Konzerts. Zunächst jedoch umfängt ein Zyklus großformatiger Prints das Publikum, der die Trauer mit einer Kritik an jenen Medien und Netzwerken verwebt, die die Bilder der Tat in der Welt verbreiteten.
In den 15 Arbeiten werden Figuren und Avatare, die Rogers seit ihrer Kindheit begleiten, zu Instrumenten einer ständigen Selbstbespiegelung. Sie wirken wie eine Reaktion auf die andauernde Konfrontation mit medialen Frauenbildern, die den eigenen Körper auf den Prüfstand stellen. Versucht man Rogers' vielschichtige Referenzen zu entziffern, begibt man sich auf eine Suche nach den Charakteren, in deren Aneignung die Künstlerin Zuflucht findet. Ausgestattet mit Accessoires wie Nabelpiercing und Klapphandy (Lola Joan), sprechen sie die symbolische Sprache der Digital Natives, zu denen auch Rogers gehört.
Die Figur der Joan (nach Jeanne d'Arc) erscheint dabei in wechselnden Rollen - von der Protagonistin des Musicals »Cats« Grizabella Joan bis hin zur Dubstep-Violinistin Gothitelle Joan - als Rogers' Vertreterin in allen 15 Arbeiten. Es ist jedoch nicht die französische Nationalheldin, im Deutschen auch als »Jungfrau von Orléans« bekannt, auf die sich Rogers bezieht. Ihre Joan entspringt der Animationsserie »Clone High«, in der pubertierende Klone historischer Persönlichkeiten eine typisch amerikanische High School besuchen. Die Deuteragonistin Joan ist der 15-jährige Klon von Jeanne d'Arc, unverkennbar durch ihren Gothic Look und ihr stets sarkastisch-nihilistisches Auftreten. Ihre unerwiderte Liebe zu Abe, dem Klon von Abraham Lincoln, macht sie zur Außenseiterin und dient der Serie als Running Gag.
Die Figuren, die Rogers über Joan adaptiert, haben häufig einen ähnlich düsteren Antiheld*innen-Status. Während einige bereits auf den ersten oder zweiten Blick zu identifizieren sind - wie Jodi Joan als Pendant zu Jodie Foster in »Das Schweigen der Lämmer« -, fordern andere eine komplexere Entschlüsselung. Auf Paige Joan gibt etwa der Instagram-Account von Bunny Rogers Hinweise. In einem Post stellt die Künstlerin ihr ein Still von Paige McCullers aus »Pretty Little Liars« gegenüber. Wie »Clone High« spielt auch diese amerikanische Mystery-Serie in einer High School. Paige ist jedoch nur eine Nebenfigur, die trotz ihrer altruistischen Absichten und eines emotionalen Coming-Outs vom Serienpublikum als »bevormundend und übereifrig« empfunden wird. In Rogers' Adaption läuft der als Marlene Dietrich verkleideten Paige eine Träne die Wange herunter. In ihrer Widmung scheint die Künstlerin mit der missverstandenen Figur zu sympathisieren: Ihre Smoking tragende Paige Joan widersetzt sich den patriarchalischen Vorstellungen von Weiblichkeit.
Green Ribbon Joan ist die Hauptfigur der makabren Horrorgeschichte »The Green Ribbon« von 1824. Die Story handelt von einer Frau, die stets eine grüne Schleife um ihren Hals trägt. Im hohen Alter bittet sie schließlich ihren Ehemann, die Schleife zu öffnen, woraufhin ihr Kopf vom Hals fällt und zu Boden rollt. Schleifen und Bänder finden sich in vielen Arbeiten Rogers': Symbole für das Zusammenspiel von Fragilität und Stärke, in dem auch die Figuren zu stecken scheinen. Green Ribbon Joan hält zudem ein ebenfalls in vielen Arbeiten auftauchendes Stofftier des Sängers Elliott Smith in den Händen, das sich an das Design von Neopets anlehnt. Neopets ist eine 1999 veröffentlichte Website, auf der man sich bis heute um virtuelle Haustiere kümmern kann. Rogers beschreibt sie als digitalen Zufluchtsraum. Über das Stofftier verbindet sie den 2003 unter ungeklärten Umständen verstorbenen Sänger mit der Website, auf der zahlreiche Altersgenoss*innen von Rogers viele Stunden verbrachten. So entsteht ein nostalgiebehafteter, fiktiver Merchandise-Artikel der späten 1990er- und frühen 2000er-Jahre, eben jener Zeit, die auch durch das Columbine-Attentat geprägt wurde.
In der Art, wie die Künstlerin ihre Jugend verarbeitet, wird ihre Zerrissenheit gegenüber dieser Zeit und ihren Medien deutlich. Das Attentat an der Columbine High School symbolisiert für Rogers das Ende der kindlichen Unschuld, als der zuvor sicher geglaubte Ort der Schule angegriffen wird. Ähnlich übergriffig fühlt sich für die Künstlerin der Umgang der Massenmedien, die dieses tragische Ereignis kommunizierten, mit Kindern und Frauen wie ihr selbst an. Gleichzeitig findet sie in und durch diese Medien Verbündete und Idole, mit deren Hilfe sie im Zyklus »Self Portrait as Clone of Jeanne d'Arc« ihren melancholisch-nonkonformistischen Widerstand zum Ausdruck bringen kann.

Charlotte Knaup
Zwischen Isolation und Zugehörigkeit, Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin, bis 18. April 2021
Aus MuseumsJournal 2/2021, Ausstellungen