3 | 2021 Juli – September

Die besten Touren für Flaneure

Wer kann schon behaupten, Berlin wie seine Westentasche zu kennen? Das Schöne ist doch, immer wieder Neues zu entdecken: backsteinerne Industriegebäude zwischen Mietskasernen, verschnörkelten Fassadenschmuck am ehemaligen Kaufhaus, ein brutalistisches Institutsgebäude. Gerade in pandemischen Zeiten ist ein kultureller Spaziergang doch eine willkommene Abwechslung.
 
Die »Wohnmaschine« (Unité d'Habitation) von Le Corbusier in der Flatowallee
Foto: Enric Duch
Wer nicht aufs Geratewohl schlendern und finden will, dem liefern Architekturtouren der Berliner Museen Inspiration. Da geht es nicht nur inhaltlich abwechslungsreich zu, auch medial kann jeder wählen - egal ob klassische Karte, Audioführung, Website, appbasierter Rundgang oder Smartphone-Rallye. Und kostenlos ist das Ganze zumeist auch noch!


Architektur gewordene Lebensentwürfe mit dem Georg Kolbe Museum
Die Sensburg war Georg Kolbes Rückzugsort am Berliner Stadtrand, hier lebte und arbeitete er nach dem Tod seiner Frau. Das Gebäude entstand ganz nach seinen Vorstellungen und ist ein Beispiel für die grandiose Schlichtheit und Strenge der Architektur der Moderne. Ein Audiowalk stellt architektonische Lebensmodelle in der Nachbarschaft vor, Le Corbusiers  Wohnmaschine  etwa oder ein Wohnhaus von Emilie Winkelmann, einer der ersten freischaffenden deutschen Architektinnen. Ein weiteres Format verknüpft Kolbes Skulpturen im öffentlichen Raum über Maps mit einem Onlinemagazin, das die Werke in kleinen Anekdoten vorstellt und von den Nutzern kommentiert werden kann. Der Launch beider Projekte ist für August geplant.

Back to the 80s mit der Berlinischen Galerie
Die Achtziger waren nicht nur in der Mode eigenartig, auch im Stadtraum hat diese Zeit ihre unverwechselbaren Spuren hinterlassen. Zur Ausstellung »Anything goes? Berliner Architekturen der 1980er Jahre« hat die Berlinische Galerie drei Audiowalks entwickelt, die vor allem Beispiele in Kreuzberg vorstellen. Hier wurde im Rahmen der Internationalen Bauausstellung 1987 eine behutsame Stadterneuerung vorgenommen, die auch die Bewohner des Kiezes einbezog. In der Friedrichstraße treffen die in Beton gegossenen Bemühungen auf ihre ostdeutschen Pendants. Der Audioguide kann über die Website berlinischegalerie.de abgerufen werden.

West-Berliner Nachkriegsmoderne mit dem Brücke-Museum
Das Brücke-Museum verlängert seine aktuelle Ausstellung in den Stadtraum, vier Touren führen ins Berlin Werner Düttmanns. Wie kaum ein anderer hat der Architekt und Senatsbaudirektor das architektonische Gesicht West-Berlins geprägt. Ob Akademie der Künste am Hanseatenweg, Hansabücherei, Brücke-Museum oder St.-Agnes-Kirche - jeder Berliner kennt mindestens eins seiner klarlinigen Bauwerke. Auf Fahrradtouren und Spaziergängen, die über die Website wernerduettmann.de mit Wander- und Radtouren-App komoot verknüpft sind, lässt sich noch viel mehr entdecken. An einigen Orten finden sich Infotafeln zu den Gebäuden, auf der Website gibt es ausführlichere Informationen.

Mies überall mit dem Mies van der Rohe Haus
Wer an Mies van der Rohe und Berlin denkt, hat sofort die Neue Nationalgalerie vor Augen. Doch neben dieser Ikone und dem Haus Lemke, dem heutigen Mies van der Rohe Haus, gibt es 42 weitere Adressen, die mit dem Wirken dieses großen Architekten der Moderne verknüpft sind. In der  Mies-Map  sind sie analog in handlichem Format zusammengetragen: Eine Publikation stellt die Bauwerke, Entwürfe und abgetragenen Projekte vor, mit der beiliegenden Karte lassen sich alle Orte präzise im heutigen Stadtbild ausmachen. Die  Mies-Map  erscheint im August zur Wiedereröffnung der Neuen Nationalgalerie.

Ost-Berlin-Rallye mit dem Stadtmuseum
Ihre Kinder sollen mal wieder raus, kommen aber nicht vom Smartphone weg? Dann verpassen Sie ihnen doch die Actionbound-App. Das Stadtmuseum hat sechs Rallyes entwickelt, mit denen sich der Ostteil Berlins inklusive Quiz und Spaziergang erkunden lässt. Praktischer Nebeneffekt: Der Nachwuchs erfährt etwas über das mittelalterliche Berlin, die barocke Stadt und das Leben in der DDR. Auch für Erwachsene sind die Touren durchaus unterhaltsam. Die QR-Codes der Rallyes, die alle am Ephraim-Palais starten, finden sich unter stadtmuseum.de.

Mediterranes mit dem Museum Barberini
Sie träumen sich nach Italien? Dann fahren Sie doch nach Potsdam! Verschiedene Regenten haben hier ihre Italiensehnsucht ausgelebt und ließen sich Bauwerke in antikem oder neuzeitlichem römischen Stil errichten. Über die App des Museums Barberini können Vorbild und preußische Interpretation direkt miteinander verglichen werden. Der Rundgang startet am Museum und führt einmal durch den Park Sanssouci. Weitere Beispiele finden sich abseits der Route. Wer die unterhaltsamen Texte nicht lesen mag, lässt sich über den Audioguide alles von Günther Jauch erklären.

Kiezvielfalt mit dem Museum Charlottenburg-Wilmersdorf
Der Beitrag des Museums in der Berlin History App ist weniger eine Tour als ein thematisches Portal zur Architektur des Bezirks. Das hindert aber nicht daran, sich eine eigene Route zusammenzustellen, schließlich sind alle Einträge auch auf einer Karte verortet. Wissensstätten, Kinos und Theater, Industriebauten, Parks und Gärten - insgesamt elf Themenbereiche erschließen die ganze Vielfalt Charlottenburg-Wilmersdorfs mit umfangreichen Bildern und Texten. Der stets virulenten Wohnungsfrage widmet sich ein Audiowalk, der über die App Echoes abzurufen ist und der durch das Charlottenburg der letzten hundert Jahre führt.

Zeitreise mit den Museen Tempelhof-Schöneberg
An jeder Straßenecke, in jedem Haus, an jedem Platz hat sich Geschichte geschrieben. Die Parcours zu Papestraße, Schöneberger Insel und Yorckbrücken machen sie sichtbar: Zu den gedruckt oder digital erhältlichen Faltplänen und Broschüren gesellen sich Objekt- und Infotafeln vor Ort, die mit Texten und historischen Bildern Aufschluss über das Besondere dieser Stätte geben. Wissen Sie zum Beispiel, was eine Hartung'sche Säule ist? Nach diesen drei Touren betrachten Sie die Stadt mit anderen Augen. Für Kinder und Jugendliche sind Audioguides entstanden, die Einblicke in das jüdische Leben des Bayerischen Viertels im Nationalsozialismus geben.
Alle Angebote finden Sie unter museen-tempelhof-schoeneberg.de.


Nadja Mahler
Die besten Touren für Flaneure
Aus MuseumsJournal 3/2021, Panorama