3 | 2021 Juli – September

Die Avantgarde vom Hinterhof

In den Eingeweiden des einst abgehängten Bezirks Kreuzberg blühte erst die Kunst und dann ein Mythos auf
 
Hertha Fiedler, Wirtin der Kleinen Weltlaterne, 1961
Foto: Bernd Fiedler
In den 1960er-und 1970er-Jahren schlug der Puls West-Berlins rund um den Bahnhof Zoo und den Kurfürstendamm. Kreuzberg drohte als Randbezirk abgehängt zu werden. Seine überalterte Bausubstanz und die gerade erst von Kriegsruinen befreiten innerstädtischen Brachen erwiesen sich jedoch als guter Nährboden für künstlerische Kreativität.
In der Bevölkerung gab es eine starke Bereitschaft zur Abwanderung. Die weniger Mobilen arrangierten sich trotzig mit den gegebenen Verhältnissen. Häufig fehlte das Geld für das Allernotwendigste. Auch Künstler wie der aus dem Exil zurückgekehrte Rudi Lesser oder der in Kreuzberg geborene Hans Sünderhauf lebten in ärmlichen Verhältnissen, ebenso wie Kurt Mühlenhaupt, der als Trödler sein Geld verdiente und dessen hundertster Geburtstag Anlass der Ausstellung ist. Trotz aller Entbehrungen war die Stimmung zwar grau, aber nicht depressiv, so wie sie Kurt Mühlenhaupt in seinen »grauen Bildern« eingefangen hat: Das widerständige Selbstbewusstsein der Frontstadt-Berliner*innen bekam hier eine eigene Farbe, und zwar nicht nur in Abgrenzung vom »Ostsektor«, sondern auch von der »besseren Gesellschaft« in Charlottenburg, Wilmersdorf und Friedenau. Tatsächlich fanden die Zuschreibungen, die für Kreuzberg bis heute gelten, ihren ersten Ausdruck in der Kneipen- und Galerielandschaft zwischen der Galerie Zinke von Günter Anlauf, Günter Bruno Fuchs, Robert Wolfgang Schnell und Sigurd Kuschnerus in der Oranienstraße 27 (1959-62), der Werkstatt Rixdorfer Drucke in der Oranienstraße 20 (1963-74) und den Künstlerkneipen Kleine Weltlaterne von Hertha und Ingo Fiedler in der Kohlfurter Straße 37 (1961-74) sowie Der Leierkasten von Rosi Kendziora und Kurt Mühlenhaupt an der Zossener Straße 1 (1960-66). Nicht zu vergessen das Kreuzberger Forum von Traudbert Erbe, Peter Sauernheimer und Herbert Weitemeier, eine Selbsthilfegalerie und gleichzeitig das erste Off-Theater Berlins in der Großbeerenstraße 57.
Diese Szene mit ihrer Mischung aus proletarischem Leben, Kunst, Literatur, Bier und Korn bezeichnete der Journalist Hellmut Kotschenreuther schon 1961 als »Montmartre von Berlin«, womit er auf eine neue künstlerische Produktivität anspielte: Sie setzte auf Figuratives, auf Reproduzierbarkeit und begab sich u.a. mit dem Phantastischen Realismus in Opposition zur »Weltsprache Abstraktion«, der sich viele Künstler*innen des Berliner Westens verpflichtet sahen. Und sie organisierte sich in Selbsthilfegruppen wie den Berliner Malerpoeten, gegründet von der Künstlerin Aldona Gustas. Das ist insofern bemerkenswert, als das Frauenbild der Bohemiens konventionell blieb. Doch es gab sehr engagierte junge Künstlerinnen wie Burghild Eichheim und Natascha Ungeheuer. Förderung erfuhr die junge Szene durch die agile Kunstamtsleiterin des Bezirks Elise Tilse.
Der »Mythos Kreuzberg« speiste sich nicht allein aus der Kiezgemeinschaft, sondern auch aus der Anziehungskraft, die das nischenreiche Kreuzberg seit Ende der 1950er-Jahre auf Kreative und Intellektuelle in West-Berlin und - bis zum Mauerbau - auch im Osten der Stadt ausübte. Abends mischten sich auf dem  Trampelpfad der Künste  - der Strecke zwischen den Galerie-Kneipen in Charlottenburg, Schöneberg und Kreuzberg - angereiste Akademiker*innen und Kunstinteressierte mit den Menschen vor Ort. Manchmal entstanden Verbindungen, oft überwog hingegen das Trennende. »Unser Bestreben war«, berichtete Robert Wolfgang Schnell 1979, »der Bevölkerung, die in Kreuzberg wohnte, den Arbeitern, Rentnern und vom Wohlstand mehr oder weniger Ausgeschlossenen, nahezubringen, dass ihre Angst vor der Kunst als einer Sache der Privilegierten und Intellektuellen unsinnig ist, sondern Kunst zu ihnen wie zu allen anderen Menschen gehört. [...] Diese Bemühung ist kläglich gescheitert.«
Dennoch: Kurt Mühlenhaupt, sein Bruder Willi und andere Pioniere der malenden und schreibenden Kreuzberger Künstlergruppen, wie Günther Bruno Fuchs, Herbert Weitemeier, Artur Märchen und Gerhard Kerfin, entstammten selbst dem Milieu, fühlten sich zugehörig und genossen Akzeptanz. Ihnen kam eine Mittler- und Übersetzerrolle zu - sowohl als Persönlichkeiten als auch mit ihrer Kunst, die ein Lebensgefühl der Freiheit, der Ungebundenheit und des Experimentierens zum Ausdruck brachte.

Martin Düspohl und Ulrike Treziak haben die Ausstellung kuratiert.

Martin Düspohl, Ulrike Treziak
Die Avantgarde vom Hinterhof, Studio 1 / Bethanien, 6. August bis 25. September 2021
Aus MuseumsJournal 3/2021, Ausstellungen